Kolumne «Standpunkt» am 3. August 2026 in der Zuger Zeitung
Dieser Sommer zeigt es: Unsere Städte und Dörfer sind für Hitzephasen noch nicht gerüstet. Was früher die Ausnahme war, wird zur Regel. Mehr Bäume, mehr Grün, mehr Biodiversität, mehr Schwammstadt – wir wissen längst, was es braucht. Andere Städte machen es vor, wie wir diesen Sommer in Polen feststellen konnten.
Doch was bedeuten diese extremen Tage für vulnerable Menschen? Langanhaltende Hitzeperioden sind nicht nur eine direkte gesundheitliche Belastung für ältere Personen – die Übersterblichkeit steigt in diesen Phasen deutlich an. Die Hitze führt auch zu schleichender Vereinsamung, weil jeder Schritt nach draussen zur Herausforderung wird.
Laut dem Bericht «Pflege- und Wohninfrastruktur für die ältere Bevölkerung der Stadt Zug bis 2040» ist Einsamkeit einer der Hauptgründe für den Heimeintritt. Soziale Teilhabe ist das beste Gegenmittel. Damit diese gelingt, braucht es die richtigen Voraussetzungen in der Stadtplanung.
Gute Planung fördert zufällige Begegnungen. Das beginnt im Kleinen: Eine hell und grosszügig gestaltete Briefkastenanlage mit einer Abstellmöglichkeit für die Einkaufstasche lädt zu einem kurzen Schwatz ein. Man sieht, wie es dem Gegenüber geht, kann mit einem Tipp vielleicht helfen – aus anonymem Wohnraum wird Nachbarschaft. Auch der Aussenraum, insbesondere die Alltagswege im Quartier, müssen Genuss statt «Fluchtweg» sein: Wer an einer schönen Blüte verweilt oder sich auf eine schattige Bank setzt, senkt das Tempo und ist offen für einen kurzen Austausch oder auch nur ein freundliches Lächeln.
Das direkte Wohnumfeld allein reicht für soziale Teilhabe nicht aus: Auch der Weg ins Stadtzentrum muss für Menschen mit Einschränkungen machbar sein. Eine Bushaltestelle in 300 Metern Entfernung nützt wenig, wenn auf dem Weg dahin Möglichkeiten zum Ausruhen fehlen. Ältere Menschen brauchen die Gewissheit, dass sie ihre Wege in kurze Abschnitte unterteilen können. Schon das Wissen über diese Rastmöglichkeiten schafft Sicherheit. Genau hier setzt die Motion «Besitzbare Stadt» an.
Zudem darf soziale Teilhabe nicht vom Portemonnaie abhängig sein. Es braucht konsumfreie «Dritte Orte» als Treffpunkte. Die Pfarreien haben dies erkannt: Zum Beispiel im Herti steht das Kafi Bsetzistei allen offen. Durch die Umgestaltung der Umgebung wird der öffentliche Charakter noch deutlicher.
Auch bieten Kirchen in diesen Tagen wohltuende Abkühlung und Raum zum Durchatmen. Gleiches gilt für das Stadthaus und die Bibliothek, auch das ein wunderbarer «Dritter Ort». Naheliegende Möglichkeiten, die aber oft vergessen werden. Darauf hat der Stadtrat in seiner Medienmitteilung vom 7. Juli aufmerksam gemacht. Wohl ein Novum.
Solche Ziele oder Zwischenetappen ermöglichen es Menschen mit kleinerem Aktionsradius, am Leben teilzuhaben, unter Leuten zu sein und geistig wie körperlich fit zu bleiben.
Die meisten Menschen wünschen sich, möglichst lange zu Hause zu wohnen, in ihrem Quartier, in ihrer Nachbarschaft. Vielleicht sollten wir diesen Wunsch weiter fassen: im vertrauten Quartier alt werden. Wenn der Wechsel – etwa in eine preisgünstige Alterswohnung – im gewohnten Umfeld stattfinden kann, verliert er seinen Schrecken, und es beginnt ein weiterer Lebensabschnitt.
Die demografische Entwicklung fordert uns heraus. Dem Quartier kommt eine wichtige Bedeutung zu. Eine weitsichtige Quartierentwicklung braucht Zeit – packen wir sie jetzt konsequent an.
